Wir werden älter, weniger, bunter

Räume durch Theater zu erwecken, ihnen durch die Leidenschaft der Darsteller eine Seele einzuhauchen, gehört zu den grundlegenden Sehnsüchten des Menschen. Gar ein Theater aufzubauen, ihm Struktur und Leben zu verleihen, gehört zu den großen Erfüllungen.

In der Nachfolge von Peter Pietzsch übernahm Rainer Friedemann im August 2000 die Intendanz am theaterhagen und beauftragte mich, erstmals in der 90-jährigen Geschichte des Hauses eine eigene Sparte für Kinder- und Jugendtheater aufzubauen. Von der Stadt Hagen wurden dafür keine zusätzlichen Mittel zur Verfügung gestellt. In einer Zeit extremer kommunaler Finanznöte war daher von Beginn an die Unterstützung durch zahlreiche Gönner und Sponsoren unabdingbar. Sowohl Privatpersonen – stellvertretend für die vielen Hagener Bürger sei hier das Ehepaar Dr. Raffau genannt – wie auch Unternehmen und vor allem die Hagener Service-Clubs (Lions, Soroptimist International, Inner Wheele und Rotarier) halfen mit, die Bemühungen um ein eigenes junges Theater am Leben zu erhalten. Der für Hagen so bedeutende Bürgergedanke, der einst zur Gründung des Theaters im Jahre 1911 führte, bewegte auch hier Bedeutendes.

In Ermangelung geeigneter Räumlichkeiten innerhalb des Theaters fand das Kinder- und Jugendtheater seine erste Spielstätte im Jugendzentrum „Globe“, wo wir uns den Bühnenraum im 10-Tage-Rhythmus mit der Jugendeinrichtung teilten. Dekorationen, Bühnenpodeste, die karge Publikumsbestuhlung sowie die technische Ausstattungen wurden mit Hilfe der Darsteller und einiger weniger Techniker jeweils komplett aufgebaut und nach der 10-Tages-Frist wieder in den Kellerräumlichkeiten versperrt.

Grundgedanke beim Aufbau war, neben vereinzelten professionellen Darstellern vor allem mit Jugendlichen aus Hagen für Hagener Kinder und Jugendliche zu spielen.
Am 02. und 03. März 2001 fand mit einer sehr ehrgeizigen Spielplangestaltung die Eröffnung statt: Unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Wilfried Horn wurde der Spielbetrieb mit drei Premieren an zwei Tagen begonnen: „Max“ von Beat Fäh und „Das Herz eines Boxers“ von Lutz Hübner waren am ersten Spieltag zu erleben (der Darsteller Robert Frank spielte in beiden Produktionen eine Hauptrolle), am nächsten Morgen folgte mit „Rotkäppchen spielen“ von Hansjörg Schneider die ersten Premiere, in der ausschließlich Hagener Jugendlichen auf der Bühne standen. Mit dabei in dem fünfköpfigen Ensemble waren Dominik Hahn und Sabin Tambrea, die in den nächsten Jahren den Spielplan des Jugendtheaters in entscheidender Weise mit prägen sollten.
Neben der jugendgerechten Stückauswahl – u.a. „Das Herz eines Boxers“ „Creeps“ und „Winner and Loser“ von Lutz Hübner – wurden von Beginn an zahlreiche pädagogische Programme, Konzerte, Lesenächte und Sonderveranstaltungen angeboten. Vorrangig ist dabei die Arbeit in den TheaterKinder- und JugendClubs zu nennen, die seit der Spielzeit 2005/06 um einen SeniorenClub erweitert wurden. Bis zu ihrem Ausscheiden im Sommer 2009 wurden die Clubs von Jutta Wermeckes-Krafft geleitet.

Künstlerisch wie emotional wichtigster Höhepunkt der Aufbauphase war die Eröffnung der eigenen Spielstätte „LUTZ – junge bühne hAGEN“ im neuen Werkstättengebäude des Theaters. Die Eröffnung fand am 02. November 2003 mit der legendären Uraufführung von Lutz Hübners „Nellie Goodbye“ statt. Der Autor, der mit seinen Stücken von Beginn an zu den zentralen Künstlern der Spielplangestaltung gehört, stand bei der Namensgebung Pate. Neben den Darstellern der Uraufführung Jana Fee Müller, Dominik Hahn und Sabin Tambrea sind Sophie Beckel und Meike Strehl zu erwähnen, die zum harten Kern der Anfangsjahre im Ensemble zählten. Bis zu 50 Mal standen die jungen Akteure pro Spielzeit auf der Bühne, meist vormittags während des eigenen Schulunterrichtes.

Größter Rückschlag der frühen Jahre war das gerichtlich verordnete Spielverbot von „Ehrensache“. Basierend auf Zeitungsmeldungen über einen Ehrenmord unter Jugendlichen auf einem Parkplatz in Hagen schrieb Lutz Hübner ein fiktives Jugendtheaterstück. Wenige Tage nach der Essener Uraufführung fand am 20. Januar 2006 die Hagener Erstaufführung statt. Anfang Mai – nach zahlreichen ausverkauften Aufführungen und Einladungen zu diversen Festivals – begann ein gerichtlicher Marathon, der sich für das lutz über Jahre hinaus zog. Anlässlich des 100. Geburtstages des theaterhagen konnte mit einer Neuisnszenierung endlich der Schlussstrich gezogen werden.

Dem raschen Wandel unserer Gesellschaft Rechnung tragend, verstärkte das lutz ab der Spielzeit 2005ǀ2006 seine sozio-kulturellen Bemühungen. Große Aufmerksamkeit erhielt in der Anfangsphase die Produktion „Ladies Night“, die mit arbeitslosen Jugendlichen in einem öffentlich einsehbaren Geschäftslokal in der Fußgängerzone erarbeitet wurde, um dann viele ausverkaufte Vorstellungen im lutz zu erleben.
„Charming Boys“, „Abgefahren“ und „copy & paste?“ waren Versuche, Menschen im Strafvollzug auf ihrem neuen Weg in die Mitte der Gesellschaft zu begleiten.
Im Rahmen des Gesamtkunstwerkes „Sehnsucht nach Ebene II“, das von den beiden Künstlerinnen Milica Reinhardt und Marjan Verkerk initiiert wurde, entstanden zahlreiche Theaterprojekte mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund: „Ebene II“ im reaktivierten Gloria-Kino, „Ankommen“, „Farben der Liebe“ (basierend auf einem türkischen Jugendroman des Autors Ali Arslan), „Michael und Yeliz“ als spektakuläre Bearbeitung von Shakespeares „Romeo und Julia“ oder „Auf dem Weg“ mit jungen Flüchtlingen.
Aus anfänglichem Herantasten wurde Selbstverständlichkeit. Aus unsicheren ersten Begegnungen wurde ein grenzenloses Miteinander.

Sehr erfüllend für alle Beteiligten ist seit Jahren die Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen, deren Leben durch körperliche oder geistige Einschränkungen mit bestimmt ist. Mit großem Dank betrachte ich die unglaubliche Zahl an Produktionen, die in Zusammenarbeit mit Lehrern und Schülern der Oberlinschule, einer Förderschule für körperliche und motorische Entwicklung, entstanden ist. Mit der aufwändigen Produktion „Wie entsteht eine Oper“ sind wir etwa bei der 20. Kooperation gelandet. Neben vielen Ehrungen und Auszeichnungen ist der Preis „Kinder zum Olymp 2014“ der Garant für eine ereignisreiche, gemeinsame Zukunft.
Zusammen mit Schülern des Werner-Richard-Berufskollegs, die seit Jahren zu den treuesten Besuchern des lutz gehören, wurden die Aufführungsserien von Robert Parrs „Eines schönen Tages“ sowie „Kopfkino“ und „happy meal“ erarbeitet.

Die am häufigsten gespielte Produktion der jungen lutz-Geschichte ist das Projekt „Hey Boss, hier bin ich!“, die im Auftrag der Wirtschaftsjunioren Hagen/Ennepe-Ruhr entwickelt und mehrere hundert Male bundesweit gespielt wurde. Jährlich wird einigen Tausend junger Schulabgänger die Aufregung beim Bewerbungsgespräch bewusst gemacht. Auch dieses Stück ist mehrfach preisgekrönt.

Enger Kontakt besteht seit Jahren mit dem Jugendtheater „Cia Paideia“ in Sao Paulo/Brasilien und ihren Leitern Aglaia Pusch und Amauri Falseti.
Heinz Luig, der über 6 Spielzeiten hinweg den Leo in „Das Herz eines Boxers“ verkörperte, ist Ehrenmitglied.
Das Kinder- und Jugendtheater firmiert seit der Spielzeit 2007/08 als lutzhagen.



Nicht auf den Wandel re-agieren,
sondern ihn auf Augenhöhe mitgestalten durch die Kunst