Es gibt Qualitätssänger und Quantitätssänger.
Ich war immer letzteres.

Angefangen hat alles 1965 bei den Salzburger Festspielen: gerade neunjährig, durfte ich als Chor-Kind in Mussorgskis „Boris Godunow“ zum ersten Mal eine Theaterpremiere miterleben. Und dies unter der künstlerischen Gesamtleitung von Herbert von Karajan! „Carmen“ und „Otello“ folgten.

Der Geruch von Kulissenleim und Wasserschminke löste ein Suchtverhalten aus, dem ich bis zum heutigen Tag erlegen bin. Sängerfeste und Orchesterklänge taten ihr Übriges. Nachhaltig blieben mir Nicolai Ghiaurov und Sena Jurinac, Gerhard Stolze und Nikolai Gjuselev, Mirella Freni, Grace Bumbry und John Vickers in den Ohren. Und natürlich die Wiener Philharmoniker.

Daraus ergab sich die logische Konsequenz, ab meinem 16. Lebensjahr eine Gesangsausbildung an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst „Mozarteum“ zu beginnen. Susanne Anders, Gattin des weltberühmten lyrischen Tenors Peter Anders, öffnete mir die Augen für die Höhen und Tiefen des Berufs und lehrte mich vor allem eines: den tiefen Respekt vor der darstellenden Kunst und ihren Bühnenräumen. Breda Zakontnik war eine lehrreiche Liedinterpretin für meine ersten pubertären Schritte. 1979 schloss ich meine Salzburger Studien, schon halb im Beruf stehend, mit dem Diplom in Lied- und Oratoriengesang ab.

1978 begann das Abenteuer „Opernhaus Zürich“. Zunächst für zwei Jahre ans internationale Opernstudio verpflichtet, stand ich schon ab dem ersten Ausbildungstag auf der Bühne des renommierten Hauses. Neben Edita Gruberova, Anna Tomowa-Sintow, Trudeliese Schmidt, Zoltan Kelemen, Gerd Westphal und Ferdinand Leitner als musikalischem Leiter durfte ich den jungen Lakai in „Ariadne auf Naxos“ singen. In den allerersten Sekunden der allerersten szenischen Probe raste ich durch eine markierte Bühnentüre und brachte den gesamten Aufbau zum Einsturz – ein kurioser, schmerzvoll-peinlicher Einstieg, der mir im Eilverfahren zur Bühnenausbildung wurde. Es folgten zahlreiche Klein- und Kleinstrollen, aber auch – neben den namhaftesten Weltstars jener Tage – der Papageno in Mozarts „Die Zauberflöte“. Und nicht zu vergessen der Mottl in einer großartigen „Anatevka“, in der Martha Mödl und Wolfgang Reichmann die sensationellen Hauptdarsteller waren.
Das zweijährige Anschlussengagement ins Ensemble des Opernhauses Zürich war überraschender Lohn für viele Aufführungen im Opernstudio, v.a. aber auch für die Fülle der Aufgaben auf der großen Bühne.

1982 begann ein dreijähriger Totalumbau des Opernhauses Zürich. Unter fürsorglicher Obhut des Intendanten Claus Helmut Drese wurde ich animiert, mich in der „Theaterprovinz“ an den großen Rollen des lyrischen Baritonfaches zu erproben. Das erste Vorsingen führte mich an die „Sprungbrettbühne“ nach Hagen, wo ich seit August 1982 in einem festen Arbeitsverhältnis unter Vertrag stehe und in all den Jahren keine Lust verspürte, die Bühnenbretter zu Sprunggeräten umzufunktionieren. Ich blieb.

In weit über 200 Partien aus unterschiedlichen Genres durfte ich mich in Hagen austoben. Oper, Operette, zeitgenössische Musiktheaterwerke, Musicals, Schauspiel – die „Provinz“ lud ein, alles zu versuchen.
Viele Partien sind längst vergessen, vielleicht auch verdrängt. Manche Werke und ihre Rollen blieben wie große Gebirgszüge auf dem Weg liegen und wollten immer wieder erklommen werden, etwa „Die Zauberflöte“: den Papageno habe ich in sieben Inszenierungen gesungen (u.a. Zürich, Darmstadt, Heidelberg, mehrmals in Hagen). Diverse Gastspiele eingeschlossen, bin ich über 200 Mal in das Kostüm des Vogelfängers geschlüpft. Ähnlich häufig begegnete mir der Gabriel Eisenstein in „Die Fledermaus“.

Spannend sind Werke wie „Orpheus in der Unterwelt“, „Die lustige Witwe“, „Anatevka“ und „My Fair Lady“: In diesen Werken habe ich bereits drei unterschiedliche Charaktere gespielt – und die zum Teil mehrfach.

Tief eingebrannt sind die Jahre, in denen ich mich an großen zeitgenössischen Opernfiguren reiben durfte und zahlreiche Ur- und Erstaufführungen mitgestalten konnte. Besonders haften blieben mir die Hauptrollen in „Vincent“ und „Thomas“ von Einojuhani Rautavaara, „Die fünf Minuten des Isaac Babel“ von Volker David Kirchner, „Cyrano“ von Jack Beeson und „Aus der Matratzengruft“ von Günter Bialas.
Auch Musicalrollen forderten und bewegten mich. Wahllos aneinander gereiht seien der Tevje, Higgins, Petrucchio, Che Guevara und Peron, Jesus, Nestor („Irma la Douce“), Billy Bigelow („Carousel“), der King („King and I“), Cliff Bradshaw und Herr Schulz („Cabaret“) oder der Michael in „I do, I do“, den ich fünf Spielzeiten lang in der Schlosserei Marscheider an der Seite der großartigen Martina Flatau spielen durfte.
Von den Schauspielinszenierungen, die ich mit Sonja Bohé erarbeiten konnte, ist dem Hagener Publikum vor allem ein Spruch in Erinnerung geblieben, der in Frank Pinkus‘ Komödie „Runter zum Fluss“ fiel und noch immer zu einem freundlichen Gruß unter Hagener Theaterbesuchern gereicht: „Aus, aus, aus“.

Müsste ich mich auf weitere drei Lieblingsrollen beschränken, wären darunter bestimmt der Beckmesser in „Die Meistersinger von Nürnberg“, die Hexe in „Hänsel und Gretel“ und der Boni in „Die Csárdásfürstin.

Zu den für mich prägendsten Regisseuren zähle ich Roland Velte, Reto Nickler, Hermann Kleinselbeck, Franz Winter und Thomas Weber-Schallauer. Ferdinand Leitner, Michael Halász, Norbert Neukamp und Antony Hermus beeinflussten mich maßgeblich als Dirigenten.

Und dann gab es noch die Fülle großartiger Sänger im Ensemble. Einige sind geblieben, viele sind „gesprungen“:
Namen zu erwähnen, heißt vielen Nichterwähnten Unrecht zu tun. Aber Rita Zorn, Erika Pilari, Ks. Horst Fiehl Ks. Reinhard Leisenheimer, Klaus Kante, Martin Hausberg, Barbara Baier, Jürgen Dittebrand, Josephine Engelskamp und Jean Schmiede waren Persönlichkeiten, die mir zu Beginn der Hagener Jahre das tägliche Ringen um die Wahrhaftigkeit der Bühne vorlebten.



Das Ensembletheater ist ein Weltkulturerbe.